Die Schicksale von werkenntwen, Path und Myspace machen klar: Nicht jedes Soziale Netzwerk schafft es, sich ganz der Obsoleszenz zu entziehen. Doch gilt das letztlich auch für Platzhirsche wie Facebook, Twitter und Co.? Wir sind, entlang der Podeste, dem Klopfen und Rütteln gefolgt und haben uns angeschaut, welche Social Network Newcomers möglicherweise zukünftig in der Lage sein könnten, eine der Fackeln entgegenzunehmen.

Die Social-Network-Krone in Sicht: TikTok bricht alle Rekorde

Auch ohne Hilfe von Uri Geller tiktokken die Uhren auf deutschen Smartphones aktuell bedeutend schneller. Schuld ist eine neue chinesische Sensations-App: TikTok (in China unter dem Namen "Douyin" bekannt). Zur Hälfte Video-App, zur anderen Hälfte Soziales Netzwerk - die Kombination des inoffiziellen Vine-Nachfolgers scheint anzukommen. In kurzen Videos mit einer maximalen Laufzeit von 15 Sekunden zeigen sich Nutzer beim Playback- oder Karaoke-Singen, Schauspielern und Tanzen. Die Aufnahmen können anschließend geteilt, geliked oder mit Stickern und Filtern versehen werden.

 

Das mag zunächst wenig spektakulär klingen, der Erfolg spricht aber für sich. Weltweit wurde TikTok bereits mehr als eine Milliarde Mal heruntergeladen. Die App steht in 150 Ländern zum Download bereit und ist in insgesamt 75 verschiedenen Sprachen verfügbar. Es ist zudem das einzige Soziale Netzwerk, das geschlossen auch außerhalb Chinas vertreten ist. Auch immer wiederkehrende Spionagegerüchte konnten nicht verhindern, dass sich TikTok schon jetzt einen festen Platz im Social-Network-Olymp gesichert hat.

Social-Network-Schmiede China

Als Westerner muss man sich in China auf einen Social-Media-Kulturschock vorbereiten. Auch darf man hier nicht mit "bekannten Gesichtern" rechnen. Facebook, Twitter und YouTube sind vollständig von der Regierung verboten worden. Zwar lässt sich für jede Plattform ein eigenes chinesisches Äquivalent finden, an der Spitze aber steht - mit mehr als einer Milliarde registrierten Benutzern (Stand 2018) - die Allround-Lösung WeChat.

 

Instant Messaging, mobiles Bezahlen, Jobsuche, Bloggen, Partnersuche... WeChat von Tencent vereint in sich eine Vielzahl von Funktionen, die normalerweise, jede einzeln gesondert, von verschiedenen Netzwerken übernommen werden. Wer hier am sozialen Leben im Internet teilnehmen möchte, ist theoretisch also mit nur einer einzigen App versorgt. Eine solche Exklusivnutzung ist für die meisten Chinesen im Alltag auch Realität. Entsprechend groß ist das Interesse der chinesischen Regierung auf diese gesellschaftliche Größe Einfluss nehmen zu können. Alle Nutzerdaten (hierunter auch private Chats) können vom Staat, im Rahmen der umfänglichen Massenüberwachung, eingesehen werden. Eine Zensur politischer Inhalte findet statt. Eben jene Gründe scheinen auch verantwortlich dafür, dass Expansionsversuche des Anbieters im Ausland nur mit geringem Erfolg verbunden blieben. Neben China ist WeChat mittlerweile auch in Ländern wie den USA, Kanada, Indien und Deutschland verfügbar. Hier jedoch in erster Linie als reiner Instant Messenger.

 

Tipp
Wir hatten WeChat bereits im Rahmen unseres Artikel zu den besten fünf WhatsApp-Alternativen vorgestellt.

Das zweiterfolgreichste Soziale Netzwerk Chinas heißt Weibo. Und es scheint so, als wäre das rote Auge im Logo der Mikroblogging-Plattform gezielt auf ein westliches Konkurrenzprodukt ausgerichtet worden. Ja, es ist weder innerhalb noch außerhalb Chinas ein Geheimnis, welchem Vorbild das "Twitter aus dem Reich der Mitte" folgt. Den Benutzernamen ist ein @-Symbol vorangestellt, Trendbegriffe werden mit einem Hashtag gekennzeichnet und jeder Post ist auf 140 Zeichen limitiert. Alle User müssen sich hier allerdings mit ihrem echten Namen registrieren. Eine Folge der De-Anonymisierung: Den chinesischen Behörden wird die Strafverfolgung systemkritischer Kommentare erheblich erleichtert. Es existiert zwar eine englischsprachige Fassung Weibos, die 200 Millionen täglichen Nutzer stammen aber fast ausschließlich aus China. Ob und in welchem Ausmaß sich WeChat oder Weibo längerfristig auch international etablieren können, scheint vornehmlich von einem möglichen Umdenken der chinesischen Regierung, die entsprechende Produkte nach wie vor gezielt zur Ausspähung großer Bevölkerungsgruppen nutzt, abhängig zu sein.

Direkt um's Eck - Soziale Netzwerke für die Nachbarschaft

Erinnert man sich an den misslungenen Erstversuch - Google+ - bringt der Name des neuen Sozialen Netzwerks von Google ungewollt eine gewisse selbstironische Qualität mit sich. Ob das Unternehmen mit dem Nachfolger shoelace erneut über die eigenen Schnürsenkel stolpern wird, ist allerdings noch nicht abzusehen. Beim Grundansatz verfolgt man diesmal zumindest eine andere Strategie: Im "echten" Leben verortet, möchte shoelace Menschen dabei helfen, in ihrer direkten Umgebung neue Kontakte zu knüpfen. Ziel ist es also, Menschen regional zu vernetzen. Das Pflegen oder Auffrischen alter Freundschaften soll hingegen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Gestartet wurde der Service im Juli des vergangenen Jahres, nur drei Monate nach Einstellung von Google+.

 

Noch exklusiver, d. h. örtlich begrenzter, ist Nextdoor. Um sich auf dieser Seite registrieren zu können, ist es zunächst erforderlich, eine Verifizierung mittels des echten Geburtsnamens und der aktuellen Anschrift vorzunehmen. Gemeinsam bilden dann alle angemeldeten Benutzer im näheren Umkreis (eine Radiusangabe bleibt Nextdoor schuldig) als Nachbarschaft ein geschlossenes Soziales Netzwerk. Auf dem Portal soll es aber keineswegs nur um den neuesten Nachbarschaftstratsch gehen. Die Gemeinschaft stärkend, will Nextdoor den Mitgliedern eine Möglichkeit bieten, sich untereinander auszutauschen und zu helfen. Angefangen bei dem Ausleihen einer Bohrmaschine und endend bei der Terminfindung abendlicher Rundgänge einer Nachbarschaftswache. Seit 2015 steht der Dienst in den USA aber auch immer wieder in der Kritik, sogenanntes "Racial Profiling" zu fördern. Häufig kommt es zu Warnmeldungen vor unbekannten Personen mit augenscheinlich ausländischer Herkunft, die sich gerade in der Umgebung aufhalten. Außerhalb der USA ist Nextdoor auch in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien nutzbar.

Sicherheitsbedenken nach dem Cambridge-Analytica-Skandal

"We have a responsibility to protect your information. If we can't, we don't deserve it." Mark Zuckerberg in einem offenen Brief an alle Facebook-Nutzer (März 2018)

Er gilt als schwärzester Tag in der Firmengeschichte Facebooks: der 17. März 2018. Zeitgleich veröffentlichten The Guardian, The Observer und die New York Times ihre Informationen zu einer massiven Datenspähkampagne, die heute als Cambridge-Analytica-Skandal bekannt ist. Im Rahmen des Wahlkampfes von Donald Trump hatte das britische Beratungsunternehmen Cambridge Analytica 2016 gezielt mehr als 50 Millionen Facebook-Datensätze analysiert und politisch verwertbar gemacht. Ohne Einwilligung der Benutzer. Als direkte Konsequenz der Veröffentlichungen sank der Börsenkurs des Unternehmens auf ein Rekordtief und Zuckerberg musste schlussendlich sogar vor dem amerikanischen Senat zu den Vorwürfen Stellung beziehen. Entsprechend laut wurden anschließend die Rufe nach Alternativen für Aussteiger aus dem nun in Verruf geratenen blauen Riesen.

 

Unzählige Anbieter haben sich dieser Nachfrage verpflichtet. Darunter z. B. auch Vero. Um einen überzeugenden Gegenentwurf zu Facebook errichten zu können, musste das gesamte Geschäftsmodell bis in die Basis neu überdacht werden. Schließlich finanziert sich ein Großteil aller Sozialen Netzwerke durch kundenspezifische Werbeeinblendungen oder eine systematische Verwertung von Nutzerdaten. Vero verzichtet daher komplett auf jegliche Werbung. Stattdessen finanziert sich das Netzwerk mittels einer klassischen, direkt vom Kunden zu entrichtenden, monatlichen Abo-Gebühr.

 

Ein weiterer Alternativvorschlag findet sich mit dem deutschen Mikroblogging-Dienst Mastodon. Bei dem vom Jenaer Software-Entwickler Eugen Rochko entwickelten Open-Source-Projekt handelt es sich um ein delokalisiertes Netzwerk, das ein individuelles Errichten beliebig vieler Sub-Netzwerke erlaubt. Zwar gibt es auch hier nationale Instanzen, seit dem Start im März 2016 hat die Gesamtzahl eingerichteter Netzwerke aber bereits beinahe die 3000er-Marke geknackt. Die meisten der mittlerweile insgesamt 3,5 Millionen Nutzer stammen aus Japan, dicht gefolgt von Deutschland, den USA und Frankreich.

Comeback der Alten Garde?

Myspace-Freunde wissen: Als Facebook auf der Bildfläche erschien, gab es bereits unzählige andere Soziale Netzwerke. Viele dieser "OGs" sind mittlerweile von Zuckerbergs Plattform aus dem Markt verdrängt worden und haben ihre Server abgeschaltet. Es gibt jedoch noch immer einige wenige Ausnahmen, die sich bis heute gehalten habe.

 

Hierzu zählt auch Open Diary. Seit dem 20. Oktober 1998 verfassen Nutzer hier öffentliche Tagebücher über die sie sich gleichzeitig auch untereinander vernetzen können. Viele Funktionen der Webseite waren wegweisend für nachfolgende Seiten gleicher Kategorie. Registrierte Benutzer erhielten die Möglichkeit am Seitenende unter den Tagebuch-Einträgen anderen Mitglieder Kommentare zu hinterlassen; eine Funktion, die in dieser Struktur heute auf nahezu jeder interaktiven Internet-Plattform zu finden ist. Auch war es bereits kurz nach Launch möglich, Einträge zu favorisieren und die Tagebuch-Sichtbarkeit auf bestimmte Personenkreise einzuschränken. Nachdem der Service 2014 zunächst vollständig eingestellt worden war, gab es zu Beginn des Jahres 2018 einen Re-Launch mit neuem Design. Viele treue Ex-User sind wieder auf die Seite zurückgekehrt; ob das Produkt aber auch längerfristig neue Nutzer anlocken kann, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.

 

Ein Blick in die Vergangenheit
Schon 2012 berichteten wir - zum Anlass des 10-jährigen Jubiläum des Social-Network-Phänomens - in einem Blogeintrag von eingestellten Sozialen Netzwerken und Newcomern.

Auch Tagged.com ist hierzulande nur den Wenigsten ein Begriff. Umso bemerkenswerter also der Umstand, dass es sich hierbei um das viertgrößte Soziale Netzwerk der USA handelt, direkt hinter Facebook, Twitter und YouTube. Gerade einmal 8 Monate nach Facebook - im Oktober 2004 - auf dem Markt erschienen, gibt Tagged heute an, weltweit mehr als 300 Millionen registrierte Benutzer zu haben. Ein Großteil dieser Nutzer ist aber vermutlich erst durch die Akquisition von hi5 im Dezember 2011 hinzugekommen. Anders als Facebook, setzt Tagged einen deutlichen stärken Fokus auf das Finden neuer Freundschaften. Dieser Umstand offenbart sich insbesondere bei den angebotenen Social Games, die beim Spieler-Pool meist nicht nur aus der Freundesliste schöpfen. In den Jahren 2009, 2010 und 2011 stand das Netzwerk für die Marketing-Strategie, unzählige Spam-Mails zu versenden, unter scharfer Kritik. Das Unternehmen scheint hieraus inzwischen aber gelernt zu haben; ähnliche Stimmen der Kritik lassen sich seit dieser Zeit nämlich keine mehr finden.

 

Eine Rückkehr von Myspace scheint indes jedoch nur noch sehr unwahrscheinlich. Zuletzt machte das Unternehmen mit einem missglückten Serverumzug von sich reden, welcher den Verlust aller Fotos, Videos und Audioaufnahmen der Nutzer aus dem Zeitraum 2003-2016 zur Folge hatte.