56K-Modem

Schon allzu bald geht wieder ein Jahr zu Ende, und die Nikolaus-Sonderverkaufsflächen in Supermärkten erinnern uns daran, dass nun die hohe Zeit der journalistischen Jahresrückblicke beginnt. Auch das 1&1 Blog möchte da nicht draußen im Wald stehen und deshalb hier in den allgemeinen Rückschau-Rausch einstimmen.

Als Mitarbeiter eines Unternehmens, das den Beginn des Internets in Deutschland begleitet hat und der dort schon mehr als 14 Bescherungen erlebt hat, möchte ich jedoch nicht einfach nur 2010 rückbetrachten, wie es viele jetzt tun, sondern den Blick etwas weiter schweifen lassen.

Zurück in eine Zeit, in der Internet-Veteranen gelegentlich noch auf abendlichen Branchentreffen schwelgen, wenn sie in ihren Veteranen-Händen den Rotwein im Glas kreisen lassen, die dann glänzende Augen bekommen, und ihre Gesichter, die schon alles gesehen haben, leuchten für einen Moment noch einmal als würden sie von der flackernden 50 Hertz Bildröhre eines monochromen Bernstein-Monitors erhellt.

Zurück in eine Zeit, in der man über die Innovationen BTX und Mailboxen sprach, als 1.200 Baud für akustische Kopplung  als aktzeptabel galt und ein 56k-Modem als Verheißung größtmöglicher Bandbreite galt.  Eine Zeit auch, als ein 56k-Modem ohne FTZ-Zeichen der Deutsche Bundespost Abteilung Fernmeldewesen ausreichte, um Online-Nutzer zu Verbrechern zu machen wie heute nur Raubkopierer.

Zurück in eine Zeit, in der Geschwindigkeit noch nicht alles war.

Manchmal noch, wurde den Veteranen versprochen, die gute Zeit, sie kehrt zurück. Nemertes hieß das amerikanische Unternehmen, das vorgebliche Studien erstellte, die versprachen, das Internet werde bald zu den 56k-Zeiten zurückkehren. Was das alles mit 2010 zu tun hat? Nun, eine Menge. Und interessanterweise zeigt sich dabei, dass wir aus dem Rückblick in die Geschichte manches über aktuelle Themen und die Zukunft lernen können.

Erstens, 2010, so die Voraussage von Nemertes aus dem Jahr 2007, werde das Internet so langsam wie ein 56k-Modem. Weil sich der ständig steigende Traffic nicht mehr bewältigen lasse von den Carriern. Weil es zu Staus im Netz kommen werde. Doch wir alle wissen, es kam anders: Obwohl sich der Internet-Traffic oft binnen Jahresfrist verdoppelte, haben Carrier immer ausreichend Leitungen bereit gestellt. Und das Internet ist immer schneller statt langsamer geworden.  2010 findet der Netzuntergang nicht statt.

Zweitens, weil 2010 schon wieder über das Ende des schnellen Internets menetekelt wird:

"Die Nachfrage nimmt rasch zu, die Datenmengen explodieren förmlich: weltweit um den Faktor 30 bis 40 in den kommenden Jahren! Wir investieren zwar Milliarden in den Ausbau des Netzes, aber wir müssen trotzdem aufpassen, dass wir schnell genug sind. Sonst passiert das, was wir bei Wettbewerbern in einigen Ballungsräumen in den USA schon beobachten können: Gespräche brechen ab, von Videotelefonaten ganz zu schweigen, Filme ruckeln, im Netz entsteht ein Stau. Das müssen wir verhindern."

Drittens, weil wir 2010 immer noch von Lobbyisten überzeugt werden müssen, dass schnelles Internet und Netzneutralität sich widersprechen. Statt einer neuen Bewertung, und weil anders als die Zeitung von gestern das Internet nicht vergisst, möchte ich den kleinen Rückblick hier mit Passagen aus einem Interview schließen, welches wir 2007 der Zeitschrift PC Praxis gegeben haben.

PC Praxis: Wieviel Kapazität ist da noch frei? Lässt sie sich leicht "freischalten"?

Antwort: Wir erweitern unsere Kapazität sukzessive im Vorgriff auf die sich mit dem Anstieg der benötigte Bandbreite, die sich erfahrungsgemäß jedes Jahr verdoppelt. Durch eine erst kürzlich erfolgte Erweiterung sind bei 1&1 selbst in den Spitzenzeiten derzeit noch rund 75 Prozent Kapazität fei. Sofern wir weitere Bandbreite benötigen, lassen sich mit einem Vorlauf von zwei bis drei Monaten weitere Kapazitäten schalten.

PC Praxis: Könnte man (im Notfall) an zentralen Stellen beispielsweise YouTube blocken um Backbones zu entlasten?

Antwort: Technisch wäre das machbar. Aber das wird weder notwendig noch sinnvoll sein.

PC Praxis: Die Nemertes-Studie besagt, 2010 werde das Internet für Endanwender noch die Geschwindigkeit eines 56k-Modems besitzen. Was halten Sie von dieser Aussage?

Antwort: Blanker Unsinn. Seit 20 Jahren hören wir immer wieder diese Leier: „In fünf Jahren ist das Internet am Ende.“ Und am 30. Mai ist der Weltuntergang.

PC Praxis: Wie ist Ihrer Meinung nach zu bewerten, dass Nemertes im Auftrag der Internet Innovation Alliance gearbeitet hat, die gerne ein bestimmte Webseiten mit extra Kosten belegen würden, also die Netzneutralität bedrohen?

Antwort: Den Zusammenhang sehen wir auch. Hier geht es darum, Ängste zu schüren, um einer Internet-Maut zum Durchbruch zu verhelfen.

PC Praxis: Was wird aus dem Internet, wenn (einmal angenommen) eine E-Mail 2 Cent, eine E-Mail mit Bild 20 Cent, eine Google-Anfrage 5 Cent und ein YouTube-Video 2 Euro kosten würde - oder wenn man pauschal pro MByte 1 Cent extra an die Backbone-Betreiber zu bezahlen hätte?

Antwort: Das wäre nicht mehr das Internet, wie wir es heute kennen. Aber genau das ist zugespitzt die Vision, die mancher Carrier verfolgt. Man ärgert sich darüber, dass einige Internet-Anbieter eine höhere Marge erzielen als der Kabelbesitzer. Von dem Kuchen möchte man gerne was abhaben.

Kuchen - das ist das Stichwort. In diesem Sinne - ran an die Sonderverkaufsflächen. Und wer glaubt denn noch an den Weihnachtsmann.