Die Macht, das Wissen und das Internet

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„Wissen ist Macht, nichts wissen macht auch nichts”, lautete ein Sponti-Spruch der 80er Jahre. Heute möchte mancher vielleicht sagen: „Nichts wissen macht nichts, wenn man weiß, wo man es im Internet findet.”

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Aber das Internet verändert Erwerb und Verbreitung von Wissen radikal, erschüttert Medienmächte und verändert die Kommunikation.

Genau damit beschäftigt sich morgen die Enquete-Kommission des Landtages Rheinland-Pfalz „Verantwortung in der medialen Welt”. Die Kommission soll die Auswirkungen einer medialen Welt und die Medienverantwortung gesellschaftlicher Akteure analysieren. Darüber hinaus soll sie Leitlinien und Handlungsempfehlungen entwickeln, wie”Akteure in einer medialen Welt, einer digitalen Lebenswirklichkeit, verantwortungsvoll mit den vielfältigen Möglichkeiten der Medien umgehen können.”

Zu dem Themenkomplex „Medien der Zukunft, Kommunikation, Wissen, etc.“ haben wir ein kleines Thesenpapier erstellt, dass wir hier gerne zur Kommentierung stellen.

1. Der Wandel der Medienwelt ist Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels, der das Ende des Industriezeitalters anzeigt.

  • Das neue Zeitalter wird viele neue Medien kreieren und manche vorhandene überflüssig machen.
  • Kommunikation wird neue digitale Highways befahren und alte analoge Pfade verlassen.
  • Mehr Transparenz von Entscheidungen und eine größere Vielfalt und Verfügbarkeit von Informationsangeboten werden bestimmende Elemente des Wandels.
  • Spiele unter aktiver Teilnahme in virtuellen Welten werden zunehmend die Unterhaltung prägen und dabei auch Werte und Normen vermitteln.
  • Die neue mediale Welt ist global. Sprachbarrieren verlieren bei der Nutzung internationaler Medien zunehmend an Bedeutung.

2.   Die Medien der Zukunft sind mit durch das Internet radikal veränderten Produktionsbedingungen konfrontiert.

  • Ermuntert durch die geringe Eintrittsbarriere werden Tausende neuer Medienangebote im Internet entstehen.
  • Die bisherige, seit Jahren schrumpfende Presselandschaft wird durch eine neue, fast unüberschaubare aber untereinander gut vernetzte Medienvielfalt abgelöst. Sie wird neue Formen der Partizipation sowie der Meinungs- und Willensbildung ermöglichen.
  • Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Lobby- und Interessensgruppen wird komplexer und damit schwieriger.
  • Die Presse wird als vierte Gewalt teilweise ersetzt durch eine fünfte Gewalt.
  • In diesem neuen Kontext kann „Medienkompetenz vermitteln“ nicht mehr allein heißen, Wissen für eine kritische Rezeption von Medien zu vermitteln, sondern muss auch den Konsumenten mit Senderkompetenz ausstatten. An den Schulen im Lande können dazu Grundregeln und Grundkenntnisse vermittelt werden.

3. Wissen ist im Internet mit geringen Zugangsbarrieren verfügbar.

  • Die Kosten für die Beschaffung von Wissen sinken radikal.
  • Viele Menschen teilen im Internet bereitwillig und ohne Entgelt ihr Wissen mit anderen. Mehr Wissen ist sofort kostenfrei verfügbar. Der erzielbare „Marktpreis“ von Wissen wird sinken, ein Problem für Wissens- und Informationsprodukte mit kurzer Haltbarkeit (Zeitungen, Zeitschriften, Fachbücher, etc.).
  • Methodenwissen, wo Wissen zu finden ist, wird wichtiger im Vergleich zu gespeichertem Wissen.
  • Wissen und Unwissen ist im Internet bisweilen schwer zu unterscheiden. Beides aber verbreitet sich über Links, Blogs, Twitter in WARP-Geschwindigkeit um die Welt. Methoden zur Überprüfung von Wissen sowie die Kenntnis verlässlicher Quellen ( z.B. http://hoax-info.tubit.tu-berlin.de/hoax/) gehören zur Medienkompetenz, die in Schulen vermittelt wird.
  • Kollaborative Technologien wie Wikis werden für die Bereitstellung von Wissen und für gesellschaftliche Projekte eine immer größere Bedeutung erlangen.
  • Anstelle einer direkten Tauschbeziehung „Wissen gegen Geld“ wird die Teilhabe am Netzwissen zu einer indirekten Währung, beispielsweise bei der Jobsuche.
  • Als Reaktion auf Wissens-Monopole, wie sie durch Google Book-Search entstehen könnten, werden Schutzrechte zugunsten einer breiten gesellschaftlichen Nutzung an Bedeutung verlieren.

4. Die Kommunikation der Zukunft ist digital, persönlich und indirekt.

  • Sie wird Zeitbudgets analoger, direkter persönlicher Kommunikation ebenso reduzieren wie jene des medialen Konsums.
  • Bei der Ersetzung analoger Kommunikationsformen durch digitale werden emotionale Anteile an Kommunikation verringert. Diese Verluste werden teilweise durch eine Emotionalisierung digitaler Kommunikation (z.B. Emoticons) und neue Kommunikationstechniken aufgefangen, aber nicht vollständig kompensiert werden können.
  • Eine Herausforderung wird sein, die Informationsflut zu kanalisieren. So wird das Kommunikationsmedium E-Mail durch eine Informationsflut von eBay-Status-Meldungen, Newsletter, Shopping-Informationen, Nachrichten aus Social Networks etc ergänzt. Der Wechsel in den jeweiligen Dienst ist zeitraubend und wird ersetzt werden durch integrierende Lösungen wie Google Wave / Buzz, Yah00!, Windows Live, Threadsy, Digsby oder GMX Mail 2010 und WEB.DE Navigator.
  • Noch mehr neue Communities werden entstehen, aber mit jeder zusätzlichen Community sinkt potentiell der Wert der bisherigen Communities. Für die Beherrschbarkeit einer Vielzahl digitaler Identitäten werden integrierende Lösungen entwickelt.

5. Technologie der veränderten medialen Welt

  • Der Zugang über Kabel, DSL und neue Kanäle wie FTTH wird neue interaktive Unterhaltungs-, Lehr- und Informationsangebote ermöglichen.
  • Der mobile Internet-Zugang wird zu einem wesentlichen Kanal zu den Informations-Medien der Zukunft und wird einen erheblichen Marktanteil am Zugangsgeschäft erlangen.
  • Für die Teilhabe an der medialen Welt wird die Art des Endgerätes durch zunehmende Interoperabilität immer weniger bedeutend. Durch die schnelle technische Weiterentwicklung könnte auf die Ausstattung von Schulen z.B. mit Computern verzichtet werden, wenn jeder Schüler über internetfähige Devices verfügt.

6.   Eine Fragmentierung der Gesellschaft nach Mediennutzung und auch die Bildung einer neuen Wissenskluft erscheint möglich, beispielsweise:

  • Digital Leader / Meinungsführer
  • Digitale Natives / Netz-Ureinwohner
  • Digitale Traditionalisten
  • Digitale Außenseiter
  • Digitale Aussteiger
Kategorie: Netzkultur
2 Kommentare2
  1. 25. Februar 2010 um 10:59 |

    Insbesondere im Punkt 6 möchte ich einiges ergänzen:

    Online entwickelt sich immer mehr zur Lebenseinstellung. Dienste wie der StudiVZ-Buschfunk und die Pendants anderer Communities sorgen dafür, dass der Freundeskreis „auf dem Laufenden ist”. Apps stellen sicher, dass Freunde in Echtzeit am eigenen Leben teilhaben können.

    Zur Diskussion sollte daher aber auch die Frage stehen, in wie weit die Online-Identität noch von der wahren Identität abweichen darf.

    Der Trend rund um die Jahrtausendwende nur mit Pseudonymen und Kosenamen im Netz unterwegs zu sein, ist in meinen Augen weitestgehend überholt. Kein Forum sieht es mittlerweile mehr gern, wenn User unter dem Schutz der Anonymität „flamen“ (=persönlicher Angriff /Provokation).

    Cybermobbing unter Schülern und Jugendlichen ist ein weiteres Thema, das konsequent angegangen werden muss. Hier stoßen jedoch die Schulen (wieder einmal) an die Grenzen der Leistungsmöglichkeiten und sollten durch die Arbeit Bildungsinitiativen, ähnlich „Eltern im Netz“ Unterstützung finden.

    Mit zunehmender Bedeutung des Internets halte ich anonymes Surfen für unangebracht und das Erlernen eines verantwortungsvollen Umgangs mit der eigenen Online-Identität für notwendig.

    Onlinecommunities sollten Nutzer bereits bei der Einrichtung ihrer Profile darauf aufmerksam machen, wieviel Information diese zur Schau stellen. Erst vor kurzem führte die Community „wer-kennt-wen” diese Funktion ein („Meine Seite für andere”) .

    WYSIWYP (What-You-See-Is-What-You-Publish) ist jedoch nicht überall zu finden und in der Umsetzung oftmals verbesserungswürdig.

    Suchdienste, die Usern die Möglichkeit geben, die Informationen zur eigenen Person im Netz in Erfahrung zu bringen (Yasni.de) sollten Einzug in das Angebot des Internetproviders finden.

    Unter einem Abschnitt: „Online-Identität” sollte jeder überprüfen können, was seiner Person im Netz zuzuordnen ist und bestimmern können, welche Informationen wirklich zu seiner Person gehören.

    Ein „Digital Vanishing” (=digitales Verschwinden) sollte dadurch unterstützt werden, um in angebrachten Fällen, wie Cyberstalking / -mobbing oder bei Todesfällen entscheiden zu können, welche Informationen aus dem Netz verschwinden sollen.

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