IPv6 – viel Aufregung um… was eigentlich?

Backbone-RouterMan mag es gerne als Beleg der neuen netzpolitischen Sensibilität sehen: Obwohl das neue Internetprotokoll IPv6 im Surfalltag der Internetnutzer noch nicht wirklich angekommen ist, findet es sich mittlerweile verlässlich auf der politischen Tagesordnung. Die Grundstimmung dort hat teils regelrecht alarmistische Züge angenommen. Auch wenn Vergleiche mit der Kernspaltung erfreulicherweise eher die Ausnahme sind – IPv6 wird vor allem aus der Perspektive des Datenschutzes derzeit als große Bedrohung dargestellt. Auch deshalb hat der Bundesbeauftragte für Datenschutz für heute zu einer Konferenz zum Thema nach Berlin geladen.

Warum die Aufregung? IPv6 soll die Anzahl der verfügbaren IP-Adressen massiv vergrößern. Damit wird zunächst einmal der unbestrittenen Adressknappheit beim derzeit dominierenden Protokoll IPv4 Rechnung getragen.  IPv6 ermöglicht künftig rein rechnerisch die Verknüpfung praktisch jedes denkbaren Gegenstandes mit einer exklusiven, also statischen IP-Adresse. Führt dies also zur Totalüberwachung unseres ganzen Lebens? Das ist offenbar die Befürchtung der Datenschützer. Mehrere Telekommunikations-Unternehmen, auch wir als 1&1, haben in dieser Sache daher bereits vor einigen Monaten Post des Bundesdatenschutzbeauftragten bekommen. Werden wir, das war der Kern der Anfrage, unter IPv6 unsere Kunden eine dynamische IP-Adressvergabe ermöglichen? Mit der gleichen Frage beschäftigt sich auch das jüngste Forderungspapier der Datenschützer sowie die heutige Konferenz in Berlin.

Zum Hintergrund: Wer heute einen privaten DSL-Anschluss unterhält bewegt sich im Netz auch bei der Nutzung von Flatrate-Tarifen in der Regel nicht permanent mit derselben „statischen“ IP-Adresse, sondern bekommt bei jeder manuell oder automatisch – in der Regel ca. alle 24 Stunden – vorgenommen Verbindungstrennung am Router eine neue, „dynamische“ Adresse zugewiesen. Das hat heute in erster Linie technische Gründe, denn dynamische Adressen ermöglichen eine effektivere Verwaltung des derzeit ja knappen Adressbestands. Ein Nebeneffekt dieser dynamischen Vergabe ist aber auch, dass ein einzelner Nutzer eben nicht einfach aufgrund seiner IP-Adresse identifizierbar ist.

Die Knappheitsproblematik entfällt künftig mit IPv6. Gleichwohl haben wir als 1&1 wie auch einige andere Telekommunikationsunternehmen bereits klargestellt, dass DSL-Kunden weiterhin dynamisch vergebene IP-Adressen erhalten können. Hierfür gibt es sehr differenzierte Szenarien, die wir in einem früheren Artikel des Kollegen Anders Henke bereits dargestellt haben. Die Befürchtungen gegenüber den Telekommunikationsanbietern sind also unbegründet. Wer auf dynamische IP-Adressen setzen will, wird dies auf jeden Fall tun können.

Allerdings können und müssen sich besonders datenschutzsensible Nutzer bei IPv6 auch selbst absichern. Denn IPv6 besteht technisch gesehen aus einem vom Provider vergebenen Adressteil (Präfix) und einem weiteren Adressteil, für dessen Vergabe nicht der Provider, sondern das Betriebssystem des Endgeräts entscheidend ist. Auch dieser Teil ermöglicht potenziell Identifizierbarkeit – ganz unabhängig von der Vorgehensweise der Zugangsprovider.  Wer dies verhindern will wird sogenannte Privacy Extensions nutzen. Wie das in der Praxis funktioniert erfährt man zum Beispiel hier.

Schließlich: Dass die Debatte um IPv6 und den Datenschutz bislang häufig eine höchst oberflächliche Betrachtung ist, dass IPv6 und statische IP-Adressen auch die umgekehrte Wirkung von Datensparsamkeit und größerer Nutzerhoheit über die eigenen Daten haben könnten, dass also die Position der Datenschützer zu IPv6 noch erkennbar aus der Denke der IPv4-Welt heraus geboren ist – all dies hat Lutz Donnerhacke kürzlich bei heise online schön auf den Punkt gebracht.

22 Kommentare zu “IPv6 – viel Aufregung um… was eigentlich?”

  1. Dennis Boerm sagt:

    Hallo

    gibt es jetzt schon genaueres zu IPv6?

    Denn es gibt ja jetzt diese RFC (https://www.rfc-editor.org/rfc/rfc6540.txt)

    “In der Praxis heißt das, dass ein Internetanschluss ohne IPv6 mangelbehaftet ist und man das bei seinem ISP anmahnen kann.” (Quelle: https://blog.fefe.de/?ts=b17681d3)

    • Hallo Herr Boerm,

      sobald es hier Neuigkeiten gibt, werden wir selbstverständlich darüber informieren. Das RFC ist nicht Bestandteil unserer AGB und Leistungsbeschreibung, aber selbstverständlich arbeiten wir bereits an der IPv6-Unterstützung. Übrigens steht in RFC 6540, dass bestehende Produkte IPv6 unterstützen sollen, nicht müssen.

      Viele Grüße
      Inka Husmeier, 1&1

      • Bachsau sagt:

        Wenn darin von “Internetzugang” die Rede ist, schließt es alles ein, woraus “Internet” besteht. Und damit auch IPv6. Sie könnten das alles längst anbieten, Sie wollen nur nicht.

  2. Mazze sagt:

    Hallo,

    ist abzusehen, ab wann es im Control Pannel bei den DNS-Einträgen die Möglichkeit gibt, IPv6-Adressen einzutragen? Da unsere Domain im März aufläuft und wir beim diesjährigen IPv6-Tag teilnehmen wollen, stellt sich für uns die Frage, ob wir nicht zu einem Anbieter umziehen sollen.

    Insbesondere weil mir völlig unklar ist, warum 1und1 in der DNS-Verwaltung keine Möglichkeit für die Eingabe von IPv6-Adressen hat. Ich kann nachvollziehen, dass die Migration von Endkunden kompliziert ist und hier auch viele andere Provider zögerlich sind. Aber bei den DNS-Einträge erlauben fast alle großen Provider IPv6-Einträge seit Jahren.

    • Hallo Mazze,

      die 1&1 Internet AG hat bereits seit 2002 in Teilbereichen IPv6 implementiert. 2011 haben wir noch einige Softwareanpassungen und Tests durchgeführt, um unsere Produktpalette über IPv6 und IPv4 gleichermaßen ausgereift und zuverlässig anbieten zu können. 1&1 Hostingprodukte mit IPv6-Unterstützung sind voraussichtlich im ersten Halbjahr 2012 geplant. Ein genaueres Datum können wir leider noch nicht nennen. Wir informieren Sie aber dann auch hier darüber.

      Viele Grüße,
      Deborah Overstreet, 1&1

  3. Klaas sagt:

    Wird 1&1 eigentlich am IPv6 World Launch Day teilnehmen?

  4. Mustermensch sagt:

    Nicht reden, machen!
    Oder muss wirklich erst die letzte IPv4-Adresse an einen Endkunden verteilt sein damit mal wirklich etwas passiert?

    • Name (erforderlich) sagt:

      Der Anbieter kann immer noch jedem Kunden eine Netzwerk IP geben, und alle surfen dann wie im Mobilfunk über eine öffentliche IP ;-)

      Hab mit 1&1 Kontakt aufgenommen, ein netter freundlicher Mitarbeiter hat mir recht ausführlich geschrieben, dass das ganze eher Richtung Mitte des Jahres geht, da es noch Probleme gibt. Die Hard- und Software ist zwar IPv6 ready aber noch instabil bei intensiver Nutzung unter Last.

      Hier in EU ist es nicht ganz so schlimm wie in China was IP Adressen angeht. Lieber alles anständig zum laufen bekommen und testen, als voreilig jedem alles freigaben und dauernd nicht ins Internet zukommen weil Hardware ausfällt oder sich die Software hängt.

      • Bachsau sagt:

        Wenn erstmal alles freigegeben ist, werden Fehler umso eher gefunden und behoben. 16 Jahre. Wir haben genug getestet.

  5. Bla Bla sagt:

    @ STO

    Was ist das für eine Diskussion ?

    Bitte erklären Sie mir doch mal welchen Unterschied das für Sie macht ob Sie eine IPv4 oder IPv 6 Adresse zugewiesen bekommen ? Das hört sich an als würden Sie teilweise am Rechner sitzen und darauf warten endlich eine ip Adresse zugewiesen zu bekommen, und sich dieses Problem mit der IPv6 dann endlich ändert.

  6. Name (erforderlich) sagt:

    Also ich find ganze mit “Datenschutz” eher lächerlich, wer will kann sich vom Betriebsystem jede Sekunde eine neue IP aus dem Präfix geben lassen, wie sinnig das ist, muss jeder selbst entscheiden.

    Was bringt eine neue IP wenn Cookies, Sessions, oder Accountdaten einen identifizieren?

    Die können es ja echt übertreiben. Die stellen sich ja an als würde jeder Bürger eine permanente personenbezogene IP erhalten die an die Steuernummer gebunden ist. Wenn die so weitermachen braucht ganze nochmal 10 Jahre.

    Wird mal Zeit, dass IPv6 kommt, sollte ja eigendlich schon dasein zum Ende des Jahres, was wir ja haben.

  7. sto sagt:

    Wann ?
    Wir warten schon seit Jahre, die Deutsche provider machen einfach nix.
    Im ausland gibt’s schon etliche home-dsl-provider die ipv6 nativ anbieten.

  8. Man bedenke…ich nutze ein OS ohne IPv6 Unterstützung, also bin ich froh, wenn IPv4 noch etwas bleibt :-). Für all die, die Ihre Internetpräsenz schon haben, ist es ja auch nicht wirklich nötig, zwingend auf IPv6 umzustellen. Die Frage wird eher sein…was wird mit den 1und1 Netzwerken. Sind diese schon bereit für das “neue” Protokoll? Wenn man bedenkt, was alles dranhängt….Fremdserver, Routing…da muss schon alles geklärt sein.

    • Matthias H sagt:

      Wie schon mehrfach geschriben wird es ein mehrjährigen Mischbetrieb (auch Dual-Stack genannt) geben. Also bitte nicht immer beim Lesen von IPv6 an die aus/an-Migration denken.

      Richtger wäre:
      * IPv6 kommt zusätzlich zu IPv4
      * IPv6 wird mehr und mehr (sowohl bei Kunden-Zugängen (DSL) als auch bei Webseiten-Betreibern)
      * einzelne IPv4 Webseiten werden abgeschalten
      * wenn der IPv4-Trafik irgendwann mal so minimal ist, das es kaum noch Seiten gibt, dann schalten die (DSL-)Provider IPv4 ab.

      Bis der Schritt durch ist, dauert es bestimmt 10-15 Jahre.

  9. Marco sagt:

    Gleichwohl Sie auch in Zukunft die dynamische Vergabe unter Nutzung von IPv6 anbieten wollen – was wird der Standard für Kunden sein? Dynamisch oder fest? Denn eins sollte klar sein, viele Nutzer haben schlicht nicht das technische Verständnis bzw. den entsprechenden Wissenstand, um zu wissen, was der Unterschied zwischen den beiden ist und was das für sie bedeutet, und werden demnach bei der Standardoption bleiben.

    • Dr. Guido Brinkel sagt:

      Hallo Marco, da der Übergang von IPv4 zu IPv6 einen mit Sicherheit mehrjährigen Parallelbetrieb beider Protokolle erfordert wird die dynamische Vergabe schon aus diesem Grund weiter der Standard bleiben.
      Viele Grüße!
      Guido Brinkel

      • Michael sagt:

        Wird es auch die Möglichkeit geben einen statischen Adressblock zu bekommen?

        • Bachsau sagt:

          Mit nem /64 Präfix kannst du mehr Rechner in dein Haus stellen, als man zur Zeit mit dem Internet verbinden kann. Das reicht! Du brauchst keinen “Block”.

  10. Andreas Stockter sagt:

    Wann bietet 1&1 IPv6 bei seinen DSL-Anschlüssen an?

  11. Thomas sagt:

    Am Ende bleibt nur die Frage: Wann kommt’s?
    Ich hab schon jetzt ne VM auf meinem Rootserver, die nur über IPv6 erreichbar ist und da wäre IPv6 am heimischen DSL schon recht praktisch ;-)